Kunststoff und Möbeldesign in den späten 1960er Jahren. Zum Potenzial einer kulturwissenschaftlichen Stoffgeschichte

– von Hannah Kemper.

Kunststoffe, die als Modifikationen natürlicher Stoffe bezeichnet werden können, bestimmten in den 1960er Jahren einen gesamten Lebensstil und lösten als eigenständig vollsynthetische Werkstoffe zeitgleich eine Umformulierung neuer Designpositionen im Möbeldesign aus.

Als neuer Werkstoff lieferte der Kunststoff durch seine formbaren, weichen und anpassungsfähigen Eigenschaften den Designern neue Möglichkeiten, ihre Entwürfe in weiche und organische Formen zu gießen, sodass sie sich von der traditionellen und konventionellen Formsprache des Nachkriegsfunktionalismus, der sich durch streng gegliederte, kubische und maskuline Formen auszeichnete, loslösen konnte. Die neue Formsprache, die erst durch die Eigenschaften der Kunststoffe möglich war, kann als Ausdruck von Freiheit und Modernität dieser Zeit interpretiert werden; darüber hinaus lassen sich in der Gestaltung des Kunststoffmobiliars Formen ablesen, die Assoziationen von Weiblichkeit zulassen und somit eine Gegenantwort auf die maskulinen Formen des Funktionalismus darstellen.

In Anlehnung an die von Bruno Latour und Michel Callon ausgearbeitete Akteur- Netzwerk-Theorie thematisiert diese Arbeit, wie Designer bei der Produktion von Sitzmöbeln mit Kunststoffen umgingen und wie sie damit neue Formen im Design umsetzten. Ausgehend von der in der symmetrischen Anthropologie Latours formulierten These, dass Objekte aufgrund ihrer Stofflichkeit und Materialität selbst Handlungsmacht entfalten, geht die Arbeit der Frage nach, welche Stoffnarrationen dem Kunststoffmobiliar inhärent sind und wie das neue Design das Soziale beförderte und produzierte.

Durch die neue Formgebung der Sitzmöbel kann ein Wandel von kulturellen Praktiken verzeichnet werden, da das neue Mobiliar die Sitzgebärden der BenutzerInnen beeinflusste und ebenso neue hervorbrachte. Die kontextualisierende Perspektive auf eine Kunststoffgeschichte des Möbeldesigns des späten 20. Jahrhundert verdeutlicht, dass Objekten ein Handlungsprogramm immanent ist, das das Handeln an Menschen vermittelt und den NutzerInnen somit erst spezifische Handlungen ermöglicht. Stoffe können demnach nicht nur ausschließlich als Struktur verstanden werden, sondern ebenso als Momente, die kulturell bedeutsam sind und über ihre Wirkmacht Kultur produzieren und verändern.

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