Bericht zur Tagung „Hybridisierung inszenierter Ereignisse“.

Die Tagung „Hybridisierung inszenierter Ereignisse. Zur Diskussion zeitgeistiger Veranstaltungen“, welche vom 8. bis zum 9.4.2016 an der TU Dortmund stattfand, zielte auf eine genauere Bestimmung des Konzepts der Hybridität. Unter diesem Vorzeichen wurden Vorträge aus der Soziologie und anderen Geisteswissenschaften gehalten, die Hybridisierungsprozesse in verschiedenen Kontexten aufzeigten. Im Rahmen der Begrüßung und Einführung in den Themenkomplex stellte Gregor Betz die entscheidende Leitfrage für die Tagung: Was ist der analytische Mehrwert des Hybriditätskonzepts? Die theoretische Diskussion wurde dann von Thomas Kron angefacht, der in seinem Vortrag verschiedene Theorien aufzeigte, die sich der Bedeutung von Hybridität annähern. Die Wahrnehmung und schließlich das Verschmelzen einst klarer Dichotomien, die seiner Ansicht nach in der Vergangenheit noch deutlicher zutage traten als heute, stünde dabei im Fokus. So ließe sich laut Kron im Sinne Max Webers von flüssigen Übergängen von Idealtypen oder mit Bezug auf Luhmann von der Überschneidungsfähigkeit von Systemen sprechen. Im Zuge seines Vortrags nannte er weitere Konzepte namhafter Wissenschaftler, welche für die Erschließung von Hybridtät bzw. Hybridisierungsprozessen Ansätze böten, wobei mir insbesondere die Fuzzylogik zur Feststellung, ob ein Phänomen nun hybrid ist oder nicht, neu war. Ohne weiter auf die von Kron skizzierte theoretische Vielfalt eingehen zu wollen, lässt sich sagen, dass mit seinem Beitrag die schwierige Diskussion um das Tagungsthema in Fahrt kam. Wann greifen noch eindeutige Unterscheidungen? Inwiefern betreffen solche Überlegungen Typenbildungen?

Da die Tagung neben dem Fokus auf den Hybriditätsbegriff auch hybride Phänomene im Rahmen inszenierter Ereignisse zum Gegenstand hatte, exemplifizierten die meisten Wissenschaftler_innen ihre Gedanken zu diesen Prozessen anhand von Events oder Ereignissen, wodurch auch empirische Bezüge Eingang in die Diskussion fanden. So sprach Nicole Burzan von der Überschreitung ästhetischer Inszenierungslogiken durch die Verbindung mit Erlebnisorientierungen. Markus Tauschek merkte in seinem Vortrag zum Leipziger Wave-Gotik-Treffen an, dass Kultur immer hybrid sei und der Begriff der Hybridität unter diesem Gesichtspunkt als Definiens wenig tragfähig wäre. Dabei verwies er mit Blick auf die beobachtbaren Praktiken auf dem WGT darauf, dass z.B. die Bedeutung des Tanzes von den Subjekten polyvalent kodiert würde, wodurch unterschiedliche Deutungen entstünden, die in ihrer Konsequenz dann zum hybriden Charakter einer Kultur beitragen. Winfried Gebhardt diskutierte den ursprünglichen Ventilcharakter exzessiver Feste, wie er von Michel Maffesoli beschrieben wurde. Die damit einstmals verbundene normierende Wirkung, die vom Fest als sozialem Raum der Wertsetzung erfüllt wurde, hätte in der Gegenwart durch die Angebotserweiterung nachgelassen, stattdessen stehe nun der subjektive Genuss im Vordergrund. Im Zuge dieser Entwicklung hätten sich hybride Events immer mehr von ihren historiografischen Kontexten gelöst. Mit dem Verlust der Ventilfunktion und der Priorisierung des eigenen Vergnügens würden nun immer extremere Formen von Festen und Ereignissen gesucht werden.

Ein ganz anderes Feld griff Andreas Hepp auf, der in der „Quanitified Self“-Bewegung, die über Vermessungstechniken die Idee eines datafizierten Selbst entwirft, eine hybride Akteursposition aus sozialer Bewegung und Think Tank sieht. In seinem Vortrag zeigte er mit diesem Beispiel gesellschaftliche Konstruktionsprozesse unter den Bedingungen einer tiefgreifenden Mediatisierung auf.

Eine andere Form von Hybridisierung führten Meike Haken und Michael Wetzels an, die einen speziellen Trauergottesdienst für ein verstorbenes Kind thematisierten. Das Kind war zu Lebzeiten großer Fan des BVB, was schließlich zu einer Trauerfeier in Fußballtrikots führte und damit ein hybrides Event zwischen religiöser Semantik und der populären Kultur des Fußballs schuf. In der anschließenden Diskussion wurden die dabei wirksamen Deutungen der partizipierenden Zuschauer für die Wahrnehmung eines hybriden Phänomens betont.

Henning Mohr zeigte anhand der Einbindung künstlerischer Strategien in den Strukturwandel des Ruhrgebiets Transformationspotenziale der Kunst auf. Dabei stand insbesondere der Zusammenhang von ästhetischem Reiz und sozialer Innovation im Fokus. Das durch kreative Prozesse hervorgebrachte „Neue“ lässt sich dabei auf Hybridität als dessen Grundprinzip zurückführen.

Das Ende der Tagung wurde mit dem Vortrag Hans-Georg Soeffners eingeläutet, der den Gedanken der Hybridität aus der griechischen Mythologie mit der Figur des Pan argumentierte, die als Mischwesen aus Mensch und Natur bzw. Tier die Überwindung des Widerspruchs darstellt, um im Folgenden auf Kollektivsymbole zu sprechen zu kommen, welche unterschiedliche Typen synthetisieren und in dieser Hinsicht als hybride Phänomene begriffen werden können. Am Beispiel eines Wahlplakats in Warschau von 1989, welches den US-Schauspieler Gary Cooper in seiner Rolle aus High Noon mit einem Stimmzettel statt eines Revolvers in der rechten Hand abbildete und in einen neuen visuellen Kontext einbettete, sprach Soeffner über die je nach Subjektposition variierenden Assoziationsketten bei der Wahrnehmung dieses Bildes.

Ich habe in diesem kleinen Resümee nur ein paar Vorträge ansprechen können, ich möchte aber die Bandbreite und Vielfalt an Beiträgen erwähnen, die diese Tagung so interessant und aufschlussreich machte. Der noch in Arbeit befindliche Tagungsband könnte einen Überblick zu diesen Diskussionen geben, weshalb man auf die schriftliche Ausarbeitung gespannt sein darf. „Last but not least“ möchte ich noch die gute Organisation und dadurch gegebenen Rahmenbedingungen dieser Tagung, die die Mitarbeiter_innen der TU Dortmund möglich gemacht haben, ebenso wie die lockere und freundliche Gesprächsatmosphäre vor, zwischen und nach den einzelnen Vorträgen positiv hervorheben.

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