Rezension: Analytik der Revolte. Über agonistische Konstellationen von Macht, Freiheit und Subjekt im Anschluss an Michel Foucault

– von Maren Pusback.

Was ist eigentlich eine Revolte?

Diese Frage ist mit Blick auf das politische Geschehen dieser Tage brandaktuell. Der Klappentext der 367 Seiten starken Abhandlung verweist auf Bewegungen wie Occupy Wall Street, den Arabischen Frühling und den Mai 1968. Anstelle einer enggeführten Aushandlung anhand dieser exemplarischen Ereignisse geht Gabriel Hürlimann in seiner Abhandlung jedoch einer viel theoretischeren Frage nach. Das Problem, Revolte analytisch entlang der Ereignisse zu exzerpieren, liegt dabei auf der Hand: Hürlimann argumentiert stringent, dass die Herleitung einer Definition, die sich lediglich auf konstitutive Merkmale einer als prototypisch geltenden Revolte stützt, bereits zur Verengung des Betrachtungsfeldes führt. Denn was bleibt bei einem Vergleich von Entstehung, gesellschaftlicher Bedingungen, politischen Umständen und Akteursgruppen theoretisch abzuleiten? Hürlimann wagt deshalb eine Annäherung aus einer philosophischen Perspektive und plädiert für eine Herangehensweise, die die Revolte nicht präsupponiert.

Wenn nicht gesagt werden kann, was die Revolte ist, so kann doch zumindest festgehalten werden, dass sich Konfrontation – in welcher Erscheinungsform sei zunächst offen gelassen – in der Konstellation von Subjekt, Freiheit und Macht ereignet. Das Vorhaben, eine Grundstruktur revoltierenden Handels zu entwerfen, wird entlang der Foucaultschen Machtanalytik, die ihm als Leitfaden dient, ausformuliert.

Die Abhandlung besticht nicht nur mit ihrem Aufbau: Im ersten Teil des Werkes mit dem Titel „Hobbes, Foucault und die Revolte“ schafft Hürlimann die Basis für seine Argumentation. Während Hobbes die Revolte in den juridischen Diskurs integriert wissen möchte, erkennt Hürlimann mit Foucault, dass die Grundstruktur revoltierenden Handelns über eine Analyse der Konzepte Macht, Subjekt und Freiheit erfolgen muss.

Im zweiten Teil entwickelt Hürlimann eindrucksvoll die unterschiedlichen Facetten omnipräsenter Machtbeziehungen. Er beschreibt, wie Menschen in Machtdispositiven zu Subjekten werden, da sie eingespannt in diese erlernen, bestimmten Regeln zu folgen. Das erlaubt den Menschen einen von Institutionen klar abgesteckten Handlungsspielraum, der gleichzeitig durch Regelbefolgung und Anerkennung eben dieser Institutionen autopoietisch wirkt. Im weiteren Teil des zweiten Kapitels erweitert er die die Erkenntnisse um das Konzept des Subjekts bei Foucault und stellt fest: „In institutionalisierten Machtverhältnissen, wie Schulen, Familien, Kirchen, Vereinen, Berufen etc., werden Menschen subjektiviert; d. h., sie eignen sich über das Erlernen einer Regelanwendungskompetenz jeweils eine spezifische Subjektivität an, die sie im Prozess der Einübung in die entsprechende Praktik, in welcher konstitutive Regeln enthalten sind, sukzessive habitualisieren“ (209f.).

Brechen die Subjekte bestimmte Regeln, so die Idee, können sie ihre Institutionen damit schwächen. Denn, und hier kommt die Freiheit ins Spiel, jedes Subjekt kann kraft der elementaren Handlungsfreiheit gegen diese Regeln verstoßen (233). Doch ein Subjekt, welches sich den Regeln widersetzt, verursacht noch lange keine Revolte. Hier setzt der Autor mit John Searle an. Übersichtlich und verständlich werden die zentralen Thesen der Searlschen Sprechakttheorie und der Konstruktion sozialer Wirklichkeiten dargestellt und auf die Argumentation übertragen. Die strenge Anbindung an Denken und Vokabular Foucaults erfährt erst in diesem Kapitel eine Auflockerung. Hürlimanns Argumente greifen hier stringent ineinander und lassen den Autor nach 270 Seiten schließlich die eingangs gestellte Frage beantworten. So definiert Hürlimann die Grundstruktur als einen

„[…] Akt des Revoltierens, wenn sie im Kontext einer Institution von einem Subjekt vollzogen wird, wenn ihr Vollzug ein Bruch mit den konstitutiven Regeln impliziert, wenn dieser Regelbruch intendiert oder retrospektiv affirmiert wird und zwar mit dem taktischen Ziel, die Existenz der Institution zu destabilisieren“ (270).

Der letzte Teil des Buchs „Die Logik revoltierenden Handelns“, welcher zugleich den Anwendungsbereich darstellt, in dem Hürlimann seine Analytik kontextualisiert, fällt verhältnismäßig kurz aus. Der einleitende Teil des Abschnitts lässt vermuten, dass die Erkenntnisse in Bezug zu Ereignissen wie der Arabische Frühling, die Pariser Kommune von 1871, der Mai 1968 oder die Wall Street im Jahr 2011 gesetzt werden. Im letzten Teil der Untersuchung belegt Hürlimann die Manifestationsformen revoltierenden Handelns jedoch an drei anderen Beispielen: An der Revolution im Iran von 1979, am Gegen-Verhalten im christlichen Pastorat des 15. Jahrhunderts und an den Kynikern in der griechischen Antike. Seine zuvor produzierten Erkenntnisse wendet er anschaulich und konstrastiv auf diese Beispiele an. Aufgrund der theoretischen Dichte richtet sich dieses Buch eher an LeserInnen, die sich grundlegend mit Machtanalytik beschäftigen möchten. Als wissenschaftlicher Leitfaden für die Analyse gesellschaftlicher Mobilisierungen eignet sich diese Werk aufgrund seiner Argumentationslogik und Eindringlichkeit hervorragend.

Gabriel Hürlimann: Analytik der Revolte. Über agonistische Konstellationen von Macht, Freiheit und Subjekt im Anschluss an Michel Foucault. Turia + Kant, Wien 2015, 367 Seiten, 34 €. ISBN 978-3-85132-787-8.

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