Wie arbeiten eigentlich Kulturwissenschaftler*innen?

Neben den Rezensionen haben wir auf diesem Blog die Kategorie „Aus der Bibliothek“ eingeführt. Hier möchten wir in aller Kürze Bücher vorstellen, die wir gerne mit der Leserschaft teilen würden, die wir vielleicht für besonders empfehlenswert halten, die ggf. schon älter sind oder keiner ausführlichen Rezension mehr bedürfen.

Ich möchte diese Kategorie mit einem Buch eröffnen, das besonders für diejenigen interessant sein könnte, die wie ich zurzeit an einer Qualifikationsschrift arbeiten. „Library Life: Werkstätten kulturwissenschaftlichen Forschens“ (2015) geht der Frage nach, wo und auf welche Weise kulturwissenschaftliches Wissen entsteht. Die von einem fünfköpfigen Forschungsteam gemeinschaftlich erarbeitete Monografie ging aus einem Forschungsprojekt an der Uni Gießen hervor, das sich mit den Science and Technology Studies und der Akteur-Netzwerk-Theorie auseinander setzte und – inspiriert von den Laborstudien der STS und insbesondere der von Bruno Latour und Steve Woolgar 1986 durchgeführten Studie „Laboratory Life“ – anschließend die Perspektive der ANT auf die Wissensproduktion in den eigenen Disziplinen der Sozial- und Geisteswissenschaften (die hier unter „Kulturwissenschaften“ subsumiert werden) Anwendung finden lässt.

Durch Interviews mit sieben Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Altersgruppen und Karrierestufen bzw. Positionen erfährt man viel über die räumliche und zeitliche Entgrenzung der Arbeit im Wissenschaftsbetrieb, das materielle und virtuelle Inventar wissenschaftlicher Arbeit, verschiedene Organisationsstrategien und Arbeitsabläufe in den einzelnen Phasen des Forschungsprozesses, sowie verwandte Medien, Kreativität und die Rolle impliziten Wissens. Dabei wird das sozio-materielle Netzwerk kulturwissenschaftlicher Arbeit en détail fokussiert, vom Sofa als Arbeitsort über die Kaffeemaschine, das Notizbuch und den Härtegrad der Bleistiftmine bis hin zur Affordanz des blinkenden Cursors im Textverarbeitungsprogramm. Über die ANT hinaus machen die Autor*innen das Konzept der Denkstile im Anschluss an Ludwik Fleck stark, um auf die unterschiedlichen Vorstellungen und Vorannahmen der Wissenschaftler*innen von wissenschaftlicher Tätigkeit hinzuweisen und im Akteur-Netzwerk zu berücksichtigen.

„Library Life“ ist freilich keine Ratgeberliteratur; das Buch schafft es jedoch – nicht zuletzt über die Nähe zu den Akteur*innen – spannende Einblicke in die kulturwissenschaftliche Arbeit zu geben, (nicht nur) materielle Selbstverständlichkeiten aus einer ungewohnten Perspektive zu betrachten, Möglichkeiten der Arbeitsweisen aufzuzeigen und somit auch das eigene wissenschaftliche Arbeiten stärker zu reflektieren.

 

Friedolin Krentel, Katja Barthel, Sebastian Brand, Alexander Friedrich, Anna Rebecca Hoffmann, Laura Meneghello, Jennifer Ch. Müller, Christian Wilke: Library Life. Werkstätten kulturwissenschaftlichen Forschens. Lüneburg 2015, 300 S., € 24,90.

Im Open Access steht das Buch unter Creative-Commons-Lizenz (CC-BY-SA 4.0) auf der Website des Verlags zum Download bereit: http://meson.press/books/library-life.

Quelle: meson-press.com (17.5.2018)

 

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